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Die graue Magd, die ein Königreich zum Einsturz brachte

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Die graue Magd, die ein Königreich zum Einsturz brachte.

In einem Land weit vor unserer Zeit wurde ein Mädchen geboren, dessen Weg schon zu Anbeginn geschrieben stehen sollte.

Als Tochter eines gewöhnlichen Mannes und seiner Frau wuchs das kleine Mädchen heran und entwickelte sich zu einer grauen Maus. Sie stach nie aus der Menge heraus, besaß weder Persönlichkeit noch irgendeinen Glanz, geschweige denn Anmut, aber was sie auszeichnete, waren ihre Fähigkeiten zur Angepasstheit, zum Konformismus und Opportunismus.
Der eigene Vorteil schien ihr von Anbeginn an, das wichtigste Element zu sein.

Dafür opferte sie Überzeugung, Rückgrat und Charakter, obwohl niemand wusste, ob sie jemals darüber überhaupt verfügt hatte.
So geschah es mit den Jahren, dass der alte König im Rahmen seiner Herrschaft auf das farblose Mädchen aufmerksam wurde. Sie war es nämlich, welche die Gemächer des Palastes reinigte und den Nachttopf des Königs persönlich jeden Morgen entleerte.
Das kleine Mädchen wollte schon immer hoch hinaus und wurde von einer berechnenden Schlauheit angetrieben. Entgegen der Willen seiner Berater machte der alte König die inzwischen junge Frau zu einer Marktvorsteherin, die im Rahmen dieses Postens auch an den Sitzungen des Königs teilnehmen durfte. Die Jahre vergingen und durch ihre unterwürfige und berechnende Art stieg sie immer weiter in der Gunst des inzwischen immer vergesslicher werdenden alten Königs, der sie eines Tages in einem Zustand der geistigen Umnachtung zu seiner Stellvertreterin machte.

Der alte König wurde immer gebrechlicher und so geschah es eines Tages, dass die junge Frau die Geschicke des Königreiches alleine zu leiten begann.
Der alte König fiel in Ungnade und die einstige Magd wurde zur Königin.
Sie hatte nichts königliches an sich, war blass, farblos und besaß keinerlei Manieren. Nichtdestotrotz war sie die Königin.
Das Königreich, so viel sei gesagt, war ein großes und gesundes Reich, dessen Einwohner zufrieden, sicher und in Wohlstand lebten.
Die neue Königin musste demnach nicht viel tun oder entscheiden, denn das Königreich fußte auf seinen fleißigen Bürgerinnen und Bürgern und beliebte sich großem Ansehens in den anliegenden Ländern und Reichen.

So vergingen die weiteren Jahre und die Königin regierte mit ruhiger und unscheinbarer Hand.

Eines Tages ereilte sie der Wunsch von fernen Herrschern, die niemand jemals gesehen, aber dessen Existenz im allgemeinen sehr wohl bekannt war.
Diese fernen Herrscher störte die Größe und Kraft des weit von ihnen entfernten Landes mit der blassen und ach so wenig königlichen Königin an der Spitze.
Die fernen Herrscher umwarben die blasse Königin, die noch nie in ihrem Leben Anerkennung, Wertschätzung oder gar Bewunderung genossen hatte. Mit einer nahezu perfiden List und Täuschung stellten die fernen Herrscher der einstmaligen Magd noch größere Aufgaben und bedeutende Macht in Aussicht.
Die tumbe Magd fiel darauf herein und ließ sich erfolgreich umwerben und instrumentalisieren.
So, wie sie ihr Leben lang den falschen Herrschern gefolgt und gedient hatte, so schwenkte sie erneut um und tat genau das, was man ihr angedient hatte.

Die blasse Königin umwarb auf einmal weit entfernte fremde Länder, dass möglichst viele fremdländische Menschen in das Königreich strömen sollten.
Dem Weckruf der Königin begannen sodann große Massen zu folgen.
Menschen, die nicht lesen und schreiben konnten und die in ihrem Fortschritt und ihrer Entwicklung weit hinter dem Standard des Königreichs der blassen Magd lagen.
Es waren zudem überwiegend junge Männer, die beseelt in der Hoffnung auf Gold und Frauen alles zuhause liegen ließen, um so schnell wie möglich in das neue Paradies zu gelangen.

Die Königin ließ höchstpersönlich die Zugbrücke der Burg herunter und befahl allen Wachen ihre Waffen niederzulegen.
Das Volk war auf einmal völlig schutzlos, unbewaffnet und auf die Gunst und Friedfertigkeit der neuen Siedler angewiesen.
Diese führten sich jedoch auf wie Eroberer. Sie tranken große Mengen von gegärten Trauben, der ihnen die Beherrschung nahm und sie zügellos, aggressiv und unverschämt gegen ihre Gastgeber und deren Frauen und Töchter handeln ließ.
Die Frauen im Königreich waren zunehmend nicht mehr sicher und wagten sich nur noch selten vor die Türen ihrer Häuser.
Die Wenigen, die es trotzdem taten, wurden bedroht und geschändet.

Das Volk war wie gelähmt und fühlte sich machtlos. Ohne den Rückhalt ihrer Königin, die auf die neuen Gäste angewiesen war und ihnen alles durchgehen ließ, fühlten sie sich alleine und im Stich gelassen.
Nicht wenige dienten sich den neuen Eroberern an und verrieten ihre alte Heimat.
Die Gedichteschreiber und Minnesänger dichteten und sangen falsch und verlogen, um ihrer Königin zu gefallen, in deren Gunst sie daher weiterhin standen.

Die königlichen Wachen, insofern sie noch über ihre Waffen verfügten, durften gegen die neuen "Bewohner" nichts unternehmen, vielmehr mussten sie ihnen alles durchgehen lassen.
Der gesamte Hofstaat, der ohnehin niemals gegen die blasse Magd aufbegehrt hatte, verblieb in einer Art Schockstarre und wagte es nicht, die Königin zu warnen oder gar zu kritisieren.
Wie rückgratlose Lakaien trugen auch sie weiterhin die Lügen in das Königreich hinaus, dass alles nur zum Wohle und zur Größe ihres Reiches wäre und dass die neuen Bewohner, die sich fürwahr wie "Barbaren" aufführten, eine große Bereicherung für alle wären.
Das einstige gesunde Königreich verfiel immer mehr in Unordnung und Chaos. Die Menschen fühlten sich unsicher, viele wurden gar Opfer von Verbrechen und Schandtaten, aber das Volk wurde mit der Zeit immer mehr gebrochen.

Willfährige Helfershelfer und Helferinnen aus den eigenen Reihen biederten sich den neuen Invasoren an und kapitulieren letztendlich aufgrund innerer Schwäche und niederem Charakter.
Sie waren es, die ihre eigenen Brüder und Schwestern verrieten und die Herrschaft der blassen Magd und ihrer neuen Bürger dadurch stärkten.
So vergingen die Jahre und das Land ward schon bald nicht mehr wiederzuerkennen.

Die blasse Königin jedoch wurde immer seltener gesehen, verweilte sie doch lethargisch und zurückgezogen in den obersten Gemächern ihrer Burg, ohne sich noch unter das Volk zu mischen.
Mit ihren Schlangenzungen berichteten ihr ihre Beraterinnen und Berater, dass es dem Volk und dem Königreich gut gehen würde und dass es schon bald wieder im alten Glanz erstrahlen würde.
Eines Tages, nachdem sie Kunde von den mächtigen Herrschern aus der Ferne erhalten hatte, verließ die blasse Magd mit ihrem Gefolge klammheimlich die Burgmauern ihrer Festung und wurde seitdem nicht mehr gesehen.

Niemand weiß, was aus ihr geworden ist.

Das Königreich hingegen war kein Königreich mehr, sondern nur noch ein unbefriedetes Ackerland voller alter Relikte und baufälliger Gebäude, welches den Standard der Länder angenommen hatte, aus dem die zahlreichen Fremden ursprünglich her geströmt kamen.
Das Land lag am Boden und die Seele der Menschen war gebrochen.

Einzelne Minnesänger berichteten noch Jahrzehnte danach, dass die blasse Magd schweren Herzens gestorben war, nachdem sie in ihrem Exil über die wahre Geschichte ihrer alten Heimat erfahren hatte. Sie war nur ein bedeutungsloses Instrument ihrer neuen Herrscher, welche deren schändlichen Werben ohne jegliche Gegenwehr erlegen war.
Kein Schmerz und keine Reue der Welt wiegt jedoch eine derartige Niedertracht auf.

Eine Magd kann zwar eine Krone tragen, aber diese blieb bis zu ihrem Ende trotzdem immer nur eine Magd.

Zum Glück ist dies nur ein Märchen aus einer Zeit lange vor der unseren.

Tim K.

 

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