Lieber Jan Fleischhauer,

ich hätte ja einem Spiegel-Redakteur eine Menge zugetraut, aber Sie haben mich echt noch eines Besseren belehrt.
Über das rüpelhafte und aggressive Verhalten von Migranten gegenüber älteren Menschen und jüngeren Frauen äußerten Sie sich im aktuellen Spiegel wie folgt: „Ich habe dafür in gewisser Weise Verständnis. Wer sich auf der Balkanroute nach Deutschland vorgearbeitet hat, hat das nicht geschafft, indem er sich brav hinten anstellte. Es ist eben nur sehr irritierend für Menschen, die gelernt haben, geduldig zu warten, bis sie an der Reihe sind.“
Sagen Sie mal, ist das Ihr Ernst oder seit wann ist Ihre Rubrik „Meinung“ eine Satire-Spalte geworden?
Einen derartig einfach strukturierten, nicht ernst zu nehmenden und zugleich unverschämten geistigen Erguß abzusondern, schlägt ja wirklich dem Fass den Boden aus.
Nach Ihrer unfassbaren „Logik“ könnte man ja bequem auch andere Bereiche von nun an dementsprechend entschuldigen.
Wie wäre es mit sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen?
„Ich habe dafür in gewisser Weise Verständnis. Wer sich auf der Balkanroute nach Deutschland vorgearbeitet hat, hat das nicht geschafft, indem er sich brav hinten anstellte. Es ist eben nur sehr irritierend für Frauen, die gewohnt sind, normalerweise nicht begrabscht oder vergewaltigt zu werden.“ Ist das in etwa Ihre Logik, Herr Fleischhauer?
Oder wie sieht es mit Kinderehen und Ehrenmorden aus? Haben Sie dafür auch in gewisser Weise Verständnis? Gemäß Ihrer Logik, dass wer sich auf der Balkanroute nach Deutschland vorgearbeitet hat, hat das nicht geschafft, indem er sich brav hinten anstellte. Es ist eben nur irritierend für junge Frauen und Kinder, die sich einfach nicht selber wehren können? Haben Sie das auch in etwa so gemeint?
Körperverletzungen und Messerattacken? „Wer sich auf der Balkanroute nach Deutschland vorgearbeitet hat, hat das nicht geschafft, indem er sich brav hinten anstellte. Es ist eben nur sehr irritierend für Menschen, die gewohnt sind, nicht einfach so zusammengeschlagen oder abgestochen zu werden.“ Passt das auch so?
Wissen Sie, ich habe mein Spiegel-Abo unmittelbar gekündigt, nachdem Ihr systemkonformes Lizenz-Blatt öffentlich den Begriff „Flüchtlingssommermärchen“ zu verwenden begann. Da war dann auch für mich die Schmerzgrenze erreicht.
Sie und die Ihren schaffen es jedoch immer wieder, Ihren Presse-Auftrag, objektiv und wahrheitsgemäß zu berichten, fortwährend zu verletzten und außer Kraft zu setzen.
Der Leitsatz eines der Spiegel-Verleger lautet „Im Zweifel links“, was wiederum die scheinbar erforderliche politische Gesinnung der Schreiberlinge des Spiegels vorgibt. Richtigerweise müsste es heissen „Im Zweifel vernünftig“, aber das widerspricht sich eben mit der politisch korrekten Haltung Ihres Kollektivs.
Der Spiegel ist und bleibt nunmal ein Blatt, das eine gewünschte und zudem vorgegebene Meinung publizieren muss. Jeder, der diesem Anforderungsprofil nicht entspricht, wird entweder gar nicht erst eingestellt oder würde umgehend entlassen werden. So läuft das Spiel doch. Oder was soll der Leser anderes von dem Verleger des Spiegel Jan Fleischhauer erwarten, der langjähriges Mitglied der Atlantik-Brücke ist, die einzig und allein eine Vereinigung von „Persönlichkeiten“ und „Machtpersonen“ darstellt, die sich ausschließlich für amerikanische Interessen einsetzt?
Daher bin ich Ihnen auch gar nicht böse, Herr Fleischhauer, denn letztendlich läuft das Spiel nun mal so und jeder muss schließlich gucken, wo er bleibt. In einem anderen politischen System würde jemand wie Sie natürlich auch wieder ganz anderes schreiben, richtig?
Schwamm drüber. Ich habe Ihre Kolumne ohnehin nichts ernst genommen, bin aber dennoch besorgt darüber, wie moralisch fehlerhaft und gefährlich würdelos Sie Ihre Botschaften nach draußen posaunen.
Sie und die Ihren stellen dennoch für mich eine nicht unerhebliche Gefahr für die Meinungsfreiheit und für unser Wertesystem dar. Insbesondere nach derartigen Äußerungen.
Es bleibt weiterhin zu hoffen, dass die Entwicklung voranschreitet und sich die mündigen und interessierten Menschen in diesem Land objektiv woanders informieren.
Aber dafür sollten Sie Verständnis haben. Denn wer sich jahrelang durch Ihre politisch korrekten Gutmenschen-Beiträgen vorgearbeitet hat, hat das nicht geschafft, indem er das alles für bare Münze genommen hat. Es ist eben nur irritierend für Menschen, die gelernt haben, mit ihren eigenen Augen zu sehen und mit ihren eigenen Ohren zu hören.
In diesem Sinne trotzdem von mir: Gute Besserung!
Denken Sie nochmal drüber nach.
Tim K.
 

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